Stegreif: Patient Innenstadt - Stadtmorphologie als Gebiss: Röntgenbild als Anamnese/Bestandsaufnahme

 

Sommersemester 2022

Dauer: ein Semester

Inhalt

Vom Marktstand bis zum Internet, von Selbstbedienung bis zum Onlineshopping

Der Wandel von Handel zum Konsum in unseren Städten hat sich mit Beginn des 20. Jahrhunderts sowohl im Einkaufsverhalten, aber auch durch den Verlust des ‘räumlichen Bezugsraums‘ stark verändert. Brachte der Konsum zwischenzeitig architektonische Faszinationen und spezifische Typologien wie Kaufhäuser als Konsumtempel oder Boutiquen mit Liebe zum Detail hervor, verwandelt der Handel noch heute, mit bunter temporärer Bespielung, die unterschiedlichsten Plätze zu Wochenmärkten oder anderen Festivitäten. Galt die zunehmende Errichtung von Malls in den 2000-er Jahren unter Kritiker*innen neben dem Onlinehandel schon lange als nennenswerter Grund für den Leerstand in den Fußgängerzonen, so scheint vor allem der Onlinehandel einhergehend mit der beschleunigten Digitalisierung – ausgelöst von einer weltweiten Pandemie – dem Einzelhandel den Geist ausgetrieben zu haben: 

Die ‘raumbezogene Zukunft‘ der leergefegten Innenstädte scheint ungewiss. 

Während das Online-Angebot für Kunden pluralisiert und die Erreichbarkeit mit Mitgliedschaften wie ‘prime-Tarifen‘ stetig steigt, wird der Raumbedarf-/und Bezug an Verkaufsraum wie Ladenlokale immer geringer. Doch auch der mittlerweile sogar dem kurzfristigen Bedarf entsprechende Onlinehandel konnte in der Corona-Pandemie – trotz raffinierter Logistik– Lieferkettenengpässen und Warenknappheit nicht vorbeugen. Schien die Optimierung des Konsums auf dem Zenit angelangt, so lassen sich Analogien von leeren Ladenregale und Hamsterkäufen zur Weltwirtschaftskrise 1920 in Ausnahmezuständen auch heute nicht vermeiden. 

Ist es also an der Zeit, zwischen Wohnungsnöten und Ladenlokalleerstand in den Städten für eine ‚räumliche‘ Rückbesinnung des Einzelhandels zu plädieren und auf welcher Basis würde diese Forderung fußen? 

Während sich Le Corbusier eher als Chirurgen verstand, der in seinen Visionen dem Patienten ‚Stadt‘ das Fleisch ausriss, gibt es neben der klassischen Schulmedizin-Analogie noch andere weniger radikale architektonische Haltungen. Beispielsweise könnte das Ziel einer behutsamen Stadterneuerung in der Medizin mit der Homöopathie übersetzt werden. Um im anatomischen Bild zu bleiben: Die daraus resultierenden unterschiedlichsten Behandlungsmethoden widmen sich Krankheitsbildern der Baukultur, die zuvor in einer Anamnese festgestellt und einem Anamnesebogen des Patienten protokolliert wurden. 

Es ist also an der Zeit eine Bestandsaufnahme, eine Anamnese der Patienten mit ähnlichen Symptomen durchzuführen, um vergleichbare Krankheitsbilder und Stadien sowie vorausgegangene Behandlungen auswerten zu können.

Ziel

Anknüpfend an die Jahrestagung Städtebauliche Denkmalpflege 2021 mit dem Titel ‚Patient Innenstadt‘ möchten wir den chirurgischen Eingriffen vorgeschaltet eine vergleichbare Bestandsaufnahme, eine Anamnese von Patienten vornehmen, die Aufschluss über Krankheitsverläufe gibt und Rückschlüsse in vergleichbaren Mustern zulässt. Analog zum Zahnarztröntgenbilder von Gebissen möchten wir daher Einkaufsstraßen von Innenstädten kategorisieren:
‘Paradentose‘, eine klassische Zahnfleischentzündung könnte beispielsweise ein systemisches Problem sein, ‘Zahnstein‘ eine zu geringe Denkmalpflegeauflage und ein ‚bleaching‘ vielleicht eine Werbesatzungen zur Aufwertung der Innenstadtfassaden? Der Katalog der Analogien ist lang und soll im Stegreif ‘Patient Innenstadt‘ nun durch Sie Anwendung an Probanden finden. 

Aufgabe

Im Format Patient Innenstadt sind Sie nicht nur als Architekturstudierende gefragt, sondern gehören einem Krisenstab an, welcher mit Ihrer Expertise anhand eines vorgegeben Patienten- Anamnesebogens Anamnesen von Innenstädten durchführt und diese im Anschluss im Plenum diskutiert.

Anamnesephase 1

Nachdem jeder Studierende einen Patienten (Stadt) seiner Wahl anhand des Patientenbogens eigenständig untersucht und die Befunde in den Bogen einträgt, wird es ein Symposium zur Vorstellung der Patienten geben. Hier kann auch der vorgegebene Anamnesebogens kritisch diskutiert werden.

Anamnesephase 2

Nach einer Anpassung des Bogens untersuchen Sie als Studierende in der Rolle eines Assistenzarztes Ihren Patienten noch einmal. Sie tragen die Ergebnisse des ersten Patienten in den neuen Bogen und vergleiche ihn mit einem zweiten zu untersuchenden Patienten Ihrer Wahl. Außerdem sollen drei „Zähne“ mit ihren Zuständen vertiefendaufbereited  vorgestellt werden.

Die resultierenden Patientenvorstellungen sollen in einer Ausstellung im Sommer 2022 zu sehen und zur Diskussion gestellt werden. 

 

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