Forschungsfeld: derive - Umherschweifen im Rheinischen Revier

  Zeichnung Tagebau Urheberrecht: © städtebau  

Wintersemester 2021/22

Dauer: ein Semester

derive – Umherschweifen in der Lausitz!

Wo viele Jahrzehnte der Braunkohle-Abbau den DDR - Alltag in der Lausitz als „Schwarzes Gold“ geprägt hat, und damit nicht nur physisch die Bewohner:innen trennte und die Gesellschaft politisch spaltete ist die zerrissene Identität auch nach der Wiedervereinigung und den damit einhergehenden drastischen Schließungen einer Vielzahl an Tagebaue sichtlich spürbar.

2038 soll der Kohleausstieg deutschlandweit abschließend beendet sein und ein erneuter Strukturwandel steht schon jetzt kurz bevor. Das Land Brandenburg und der Freistaat Sachsen haben sich 2017 mit der Erstellung von Leitlinien für einen langjährigen Prozess auf den Weg zur Entwicklung einer „Lausitz-Strategie“ gemacht, welche sich neben einer Gesamtvision thematisch vertiefend auf die Bereiche Wirtschaft, Forschung und Kultur fokussiert.

Anknüpfend an das Kernthema „Kultur“ stellt sich daher die Frage nach der Kleinkörnigkeit dieser durch die Tagebaulöcher zerklüfteten, durch eine Landesgrenze in Ober- und Niederlausitz definierten und durch eine Bundesgrenze zu Polen tangierten diversen Identität. Was die Menschen zusammen hält sind Traditionen und Brauchtümer, welche im Vereinsleben und bei Festen über Generationen hinaus gelebt werden.

Während vor allem die Ostertraditionen und -Brauchtümer der Sorben, einer nationalen Minderheit eines westslawischen Volkes, die Kulturregion der ihnen beheimaten Lausitz prägen gibt es zahlreiche Initiativen und Institutionen, welche sich um den Erhalt und die Pflege dieses immateriellen Kulturerbes, der sorbischen Sprache und der Beheimatung dieser alteingesessenen Minderheit in der Region bemühen. Die Deutsche UNESCO-Kommission honoriert diese Pflege mit dem Siegel „Gutes Praxisbeispiel“.

Fast widersprüchlich wirkt es, dass in derselben Region Bewohner:innen – „Lausitzer:innen“ mit und ohne sorbischer Einwanderungsgeschichte - langfristig ihre Heimat verlieren mussten:

80 Ortsnamen zieren die Liste der abgebaggerten Ortschaften, die dem Tagebau in der Lausitz seit der Mitte des 20 Jahrhunderts weichen mussten.

Da wo heute die ersten Tagebaulöcher bereits geflutet werden sind sprichwörtlich Orte des gemeinschaftlichen Zusammenlebens ins Wasser gefallen oder schon vormals verschütt gegangen. Betrachtet man die Siedlungsstruktur genauer sind es vor allem Vereinsheime neben den Fußballplätzen oder Gemeindezentren neben Kirchen welche in Strukturwandel-Prozessen neben dem Abholzen ganzer Wälder und dem Enteignen von Eigenheimen in Vergessenheit geraten.

Der amerikanische Soziologe Ray Oldenburg hat für solche Orte den Begriff „Dritter Ort“ (Oldenburg 1989) in Umlauf gebracht. Damit beschreibt er Orte zwischen dem Zuhause und dem Arbeitsplatz, die bestimmten Charakteristika aufweisen. Die Geselligkeit, die Erreichbarkeit und der spielerische Umgang sind dabei entscheidende Indikatoren.

Der Erhalt solcher architektonischen Adressen ist unabdinglich mit der Pflege der an ihnen praktizierten Immateriellen Kulturgüter verbunden:

Die Biergartenkultur gehört zu Bayern wie die Trinkhallenkultur zum Ruhrgebiet. Das Schützenwesen gehört zum ländlichen Raum in Deutschland sowie die Kioskkultur in die Ballungsräume – die Liste des immateriellen Kulturerbes ist lang und divers. Was die in ihr aufgeführten Kulturgüter vereint ist die Tatsache, dass ihre Traditionen und Brauchtümer jeweils eine dazugehörige architektonische Behausung haben, welche trotz architektonisch oft geringem Wert unabdinglich mit der Tradition verbunden scheint. Trotz rohem Erscheinungsbild und funktionalem Gebrauch besiegelt ihre hohe Nutzungsfrequenz die Relevanz für das an ihnen praktizierte Brauchtum.

Dass „Bräuche auch ein Stück Heimat in einer globalisierten Welt sein können“ (Kaschuba 2019), belegte 2015 der Einzug der Geflüchteten in die Häuser bereits Umgesiedelter im alten Manheim. - Das Dorf im Rheinischen Braunkohlevier, das wegen des Diskurses um den Erhalt des Hambacher Forstes noch nicht abgerissen wurde. Die Geflüchteten leben nun mit den Reliquien der alten Bewohner, die sich ihr Manheim liebevoll nach ihren Bedürfnissen und Bräuchen gestaltet hatten wie es Maak 2020 eindrücklich beschreibt (Maak 2020). Währenddessen versuchen die alten Bewohner Manheims sich in den seelenlosen Neubausiedlungen „alteingesessene Traditionen“ neu aufzubauen. Bräuche helfen beim Ankommen. Während auch hinterlassene dritte Orte Teil einer Ankommenskultur in einem fremden Land werden, ist es nur schwer möglich den Charakter eines dritten Ortes in einer neuen Siedlung vergleichbar herzustellen. Orte mit Tradition sind an örtliche Gegebenheiten gebunden und nur schlecht übertragbar. Zwar werden dritte Orte aus dem Bedarf heraus von den Menschen selbst erschaffen und könnten einerseits jederzeit neu aufgebaut werden, andererseits sind sie jedoch an ihrem ursprünglichen Ort durch ihre Einzigartigkeit gebunden. Gerade bei dem örtlichen Phänomen der Umsiedlung stellt sich daher die Frage, wie sehr identitätsstiftende Traditionen und Brauchtümer, die an eine architektonische Behausung oder einen Ort gebunden sind, übertragbar sind. Traditionen brauchen Zeit, um sich an einem neuen Ort zu festigen, sodass die Frage sicher nicht kurzfristig beantwortet werden kann. Um die Mentalität der Bewohner im Rheinischen Revier nachzuvollziehen, sollte man daher besser fragen: Welche Traditionen sind so identitätsstiftend, dass Sie auch in den umgesiedelten neuen Ortschaften, mit einer neuen Behausung, als dritten Ort wieder aufleben können?

Methodik und Aufgabe

Schon die Situationisten haben versucht sich das Paris der 60er Jahre mittels der Methodik „derive“ (im Deutschen = umherschweifen) neu zu erschließen und damit einen anderen Blickwinkel auf die Stadt zu erhalten. Radikale Züge durch die Stadt oder das intuitive Betrachten einzelner Inseln haben eine neue psychogeografische Sichtweise auf die Stadt ermöglicht. Diese Methodik soll nun im Forschungsfeld „derive! – Umherschweifen in der Lausitz“ Anwendung finden, um die kleinkörnige Identität im Lausitzer Revier, die unabdingbar mit dem wiederkehrenden Auftreten mehrerer Typologien von dritten Orten verbunden ist, großmaßstäblich zu kartieren.

Unterstützt werden die Studierenden hierbei von der Illustratorin Laura Edelbacher (Illustratorin der Serie „Deutschlandkarten“ für das ZEITMagazin). Durch ihren Gastvortrag werden Techniken erlernt, um das Kartierte in aussagekräftige Infografiken umzuwandeln.

Die vorgefundenen identitätsstiftenden dritten Orte sollen im letzten Schritt fokussiert werden und an konkreten Orten exemplarisch, mittels Interviews und teilnehmender Beobachtung, analysiert und im Anschluss zeichnerisch dargestellt werden. Entstehen wird ein Atlas aller studentischer Arbeiten, der in seiner Unabgeschlossenheit ein Porträt der derzeitigen Region darstellen kann, welches sich in den nächsten Jahren wandeln wird.

 

Externe Links