Rückblick

 

Ein Rückblick auf die Jahrestagung Städtebauliche Denkmalpflege 2020

Stadt in Bewegung: Mobilität und Denkmalpflege

Die diesjährige Jahrestagung der Fachgruppe Städtebauliche Denkmalpflege machte die Relevanz des gewählten Themas eindrucksvoll deutlich: „Mobilität und Denkmalpflege“ müssen zusammen gesehen und diskutiert werden, ehe für neue Formen der Mobilität im öffentlichen Raum Fakten geschaffen werden – allzu häufig auf Kosten von Denkmalbestand. Wie anpassungsfähig können Denkmäler sein? Welche Infrastrukturen sollen erhalten werden, und sind alternative Nutzungen denkbar? fragte Thomas Schürmann vom Ministerium MHKBG NRW im Rahmen seines Grußwortes. Prof. Christa Reicher hat stellvertretend für die Fachgruppe die Aktualität der Themenstellung umrissen: Mit der Klimakrise ist die sich immer weiter ausdehnende individuelle Mobilität in die Kritik geraten. Eine neue Ära scheint sich anzukündigen – mit neuen Chancen für den öffentlichen Raum und das Erleben von Stadt. Das Thema – verbunden mit dem Schlagwort einer „Verkehrswende“ – greift Raum auch im politischen Diskurs. Hattingen, wo in dem Industriedenkmal Henrichshütte die Tagung eigentlich hätte stattfinden sollen, hat die Position eines Mobilitätsmanagers geschaffen, wie Bürgermeister Dirk Glaser berichtete. Jedoch wegen der durch Corona bedingten Infektionsschutzmaßnahmen musste die Tagung in diesem Jahr in den virtuellen Raum verlagert werden. Wenn sie 2021 dann tatsächlich in Hattingen stattfindet, wird es interessant sein zu erfahren, inwieweit neue Mobilitätsformen zu neuen Weichenstellungen in Hattingen geführt haben.

Wie steht es tatsächlich mit der vielbeschworenen „Mobilität im Wandel“, fragte die Publizistin Dr. Ursula Baus und verdeutlichte in zahlreichen Einzelaspekten, wie stark die „autogerechte“ Stadt im Stadtorganismus bis hin zu einer „autogerechten Architektur“ des Einfamilienhauses mit Garage in unserem Verständnis von Stadt verankert ist. Selbst wenn neue Strukturen hinzukämen, blieben die Autos eine Realität samt der Aufgabe, sie irgendwo unterzubringen. Die autogerechte Stadt gehöre zur Menschheitsgeschichte und als solche müsse sich die Denkmalpflege mit dem Phänomen befassen. Ein Zurück zur vor-automobilen Stadt könne es nicht geben, auch wenn öffentliche Räume in einzelnen Bereichen autofrei gehalten werden. Dr. Dorothee Boesler, LWL, Amt für Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur, verwies darauf, dass das Amt damit begonnen habe, nach 1945 gestaltete Freiräume und damit auch solche, die vom Autoverkehr geprägt sind, denkmalrechtlich zu erfassen und zu bewerten. In ihrem Beitrag zur „Mobilität im historischen Kontext“ analysierte Dr. Elke Janßen-Schnabel, LVR, Amt für Denkmalpflege im Rheinland, die Geschichte der Stadtentwicklung im Hinblick auf die Erscheinungsformen von Mobilität. Ohne Mobilität gebe es keine Stadt, aber ohne Baudenkmale keine Fixpunkte der Orientierung. An einer ganzen Reihe von Praxisbeispielen erläuterte im Anschluss Dr. Jascha Braun, ebenfalls LVR, wie häufig Veränderungspläne mit Denkmalbeständen in Konflikt geraten. Er berichtete von Verlusten aber auch Lösungen zum Erhalt identitätsstiftender Verkehrsinfrastrukturen. In Düsseldorf habe sich das frühzeitige beratende Einbinden der Denkmalpflege in den Wettbewerb „Blaugrüner Ring“ positiv auf die Entscheidungen ausgewirkt.

Auch der Blick auf Best-Practice-Beispiele hat interessante Erkenntnisse zutage gefördert: Infrastrukturen, die ihre ursprüngliche Funktion verloren haben, können in neuer Funktion „gebraucht“ werden. Claus Kaminski vom Verein Wuppertalbewegung und Rüdiger Bleck, Ressortleiter der Wuppertaler Stadtentwicklung berichteten, wie die Nordbahntrasse in Wuppertal, die von einer Bahnstrecke in eine Fußgänger- und Fahrradstrecke umgewandelt wurde, mit hohem bürgerschaftlichem Engagement und hohem Qualitätsanspruch in der Ausgestaltung realisiert werden konnte. Dabei werden zahlreiche denkmalwerte Einzelbauwerke wie Brücken, Viadukte oder Tunnel erhalten und als identitätsstiftende Stadtbausteine aufgewertet. Ein neuer Blick auf unscheinbare Bestandsbauten wie Parkhäuser als Ressource, so führte der Architekt Prof. Jörg Leeser anschaulich aus, mache neue Potenziale sichtbar, erfordere aber auch Vertrauen in offene Prozesse. Es müssen beide Seiten lernen – Ideengeber und Verwaltungen –, damit gute Ansätze nicht durch allzu restriktive Vorschriften konterkariert werden wie z.B. die Forderung nach überbreiten Fahrbahnen und durchgängiger Beleuchtung bei Radschnellwegen. Andererseits sollten Denkmalfibeln ggf. proaktiv Gestaltungsspielräume für neu hinzutretende Elemente wie Fahrradständer oder E-Ladesäulen definieren.

Nicht zuletzt wurden an zwei Beispielen Zukunftskonzepte diskutiert, in denen neue Mobilität und Stadtentwicklung eng verzahnt werden wie die Ideen, die von Dr. Gerhard Gudergan von der RWTH Aachen für ein Netz von Mobilitätshubs und Luftshuttles für die Olympischen Spiele Rhein Ruhr City 2032 vorgestellt wurden. Am Beispiel von innerstädtischen Neubauquartieren zeigte Klaus Franken von der Catella GmbH auf, dass deren Verkehrsinfrastruktur zugunsten von Aufenthaltsqualität stark reduziert und damit ein Beitrag zur so genannten Verkehrswende geleistet werden kann.

In der angeregten Schlussdiskussion kristallisierten sich Empfehlungen heraus, die zum Weiterdenken anregen:

  • Möglichst früh miteinander ins Gespräch kommen
  • Best-Practice zeigen und Erkenntnisse übertragen
  • Einbettung von Identitätsorten in Zukunftskonzepte – auch in Mobilitätsstrategien
  • Verstärkt eine Qualitätsdiskussion führen
  • Visionäre Technologie als Lösungsansatz nutzen – trotz Ungewissheiten für Bestandsnutzung

Alle diese Empfehlungen lassen sich nur umsetzen, wenn Mobilität und Bestandsentwicklung im Sinne einer vernetzten Herangehensweise betrachtet und im engen Schulterschluss angepackt werden. Denn Stadt besser zu gestalten gehe nur mit zukunftsweisenden Mobilitätskonzepten. Diese wiederum können nur überzeugen, wenn sie vorhandene Qualitäten des Bestandes in Wert setzen und fördern.

Dr. Gudrun Escher
für die Fachgruppe Städtebauliche Denkmalpflege NRW